Vom Altwerden und Altaussehen

Es gibt Tage, da graut mir vor dem Älterwerden. Besonders, wenn ich in den Spiegel schaue: Die Falten rund um Augen und Mund (leider keineswegs Lachfalten) graben sich immer tiefer ein, das Gewebe hat der Schwerkraft nicht mehr viel entgegenzusetzen, der Speckgürtel um die Taille wächst und ist mit unzähligen braunen Flecken übersäht, die der Hautarzt wenig schmeichelhaft „Alterswarzen“ nennt. In den Wechseljahren macht der äußerlich sichtbare Prozess des Altwerdens gefühlt einen großen Sprung nach vorne.

Ist Schönheit vergänglich?

Ich bin über 50 – und eigentlich finde ich, dass man mir das auch ansehen darf. Trotzdem hadere ich von Zeit zu Zeit damit, dass die Zeichen meines körperlichen „Verfalls“ immer deutlicher zutage treten. 

Schönheit ist vergänglich. Sagt man. Und solange wir Schönheit mit Jugend gleichsetzen, stimmt das natürlich. Das, was wir an jungen Menschen attraktiv finden – glatte Haut oder ein knackiger Po – schwindet mit den Jahren unweigerlich. Männern gesteht unsere Gesellschaft zumindest noch zu, dass sie mit ergrauenden Schläfen „interessant“ aussehen. Frauen werden einfach nur alt. Man kann einiges tun, um das zu verhindern – oder zumindest so lange wie möglich hinauszuzögern. Teure Anti-Aging-Behandlungen, eine Lidstraffung, ein bisschen Botox hier und ein kleines Lifting dort. 

Ganz abgesehen davon, dass man sich das leisten können muss – eigentlich will ich das nicht.

Der Wunsch zu gefallen

Eigentlich will ich einfach nur entspannt älter werden. Und eigentlich kann ich mich über meinen Körper nicht beschweren. Ich mag ihn. Er hat mich fast 55 Jahre durch die Welt getragen. Er hat zwei großartige Kinder geboren und war – mit kleinen Einschränkungen – allen Herausforderungen gewachsen, die das Leben oder ich ihm gestellt haben. Er hat mir unendlich viel Freude und Genuss geschenkt. Bisher lässt er auch wenig Anzeichen erkennen, dass das in absehbarer Zeit nicht mehr so sein wird. Dafür bin ich sehr dankbar. 

Was es mir manchmal schwermacht, mein alterndes Spiegelbild zu mögen, ist vor allem die Angst vor dem Urteil anderer. Der tief sitzende Wunsch, zu gefallen und gemocht zu werden. Am besten von jedem. Finden mich andere Menschen (Männer?) jetzt nicht mehr attraktiv? Was für eine blöde Idee, sich von den Schönheitsidealen anderer abhängig zu machen! Klar, als Sexsymbol für Zwanzigjährige tauge ich nicht mehr. Ganz abgesehen davon, dass ich das noch nie war – will ich das denn? Natürlich nicht. Ich empfinde es eher als befreiend, nicht mehr in erster Linie über Äußerlichkeiten wahrgenommen und beurteilt zu werden.

Schön ist, wer authentisch ist

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Auch das ist ein vielzitierter Spruch. Wenn ich mir andere Frauen anschaue, in meinem Alter oder darüber, finde ich viele durchaus attraktiv. Nicht „für ihr Alter“, sondern mit ihrem Alter, zu dem sie selbstbewusst stehen. Bei mir selbst bin ich viel kritischer.

Was mir manchmal fehlt, ist der wohlwollende Blick auf mein Spiegelbild. Die liebevolle Grundhaltung, mit der ich zum Beispiel meine Freundin betrachte. Dass ihre Haut nicht mehr so glatt ist wie früher oder sie ein paar Kilo mehr wiegt, nehme ich nicht einmal bewusst wahr. Ich mag sie einfach – als Gesamtkonzept. Für mich ist sie schön.

Denn, noch so ein weiser Spruch: Wahre Schönheit kommt von innen. Das haben wir alle schon viel zu oft gehört und doch nie wirklich geglaubt. Aber je älter ich werde, desto mehr bin davon überzeugt. Was mir an einer Person gefällt, ist ihre Ausstrahlung, die blitzende Lebensfreude in den Augen, die Neugier und Unvoreingenommenheit, mit der sie auf andere Menschen zugeht. Manchmal auch die Art sich zu kleiden oder ein sympathisches Lächeln. Attraktiv ist, wer authentisch ist und sich in seiner Haut wohlfühlt. Die Zahl der Falten spielt dabei keine Rolle.

Tschüß, Perfektionswahn

Allzu oft lassen wir uns beim Blick in den Spiegel trotzdem vom vermeintlichen Urteil anderer herunterziehen. Spüren den Druck von Selbstoptimierung und Perfektionswahn. Was uns fehlt, sind Vorbilder – in der Öffentlichkeit stehende ältere Frauen, die selbstbewusst zu ihrem Alter, ihren Dellen und Falten stehen. Davon gibt es leider immer noch viel zu wenige. Aber es tut sich etwas: „Diversity“ und „Body Positivity“ beziehen in zunehmendem Maß nicht nur die unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen und Körperformen ein, sondern auch ältere Menschen. Das hat sich selbst bei „Germany´s Next Topmodel“ schon niedergeschlagen.

Das ist auch allerhöchste Zeit, finde ich. Statt nach Fehlern zu suchen und uns auf vermeintliche Makel zu konzentrieren, sollten wir unser Aussehen feiern, so wie es ist. Das Leben hinterlässt Spuren. Wir haben allen Grund, stolz darauf zu sein.

Wir müssen nicht jede einzelne Falte schön finden – aber uns als „Gesamtkunstwerk“, mit all unseren Unperfektheiten. Lasst uns den wohlwollenden Blick auf uns selbst üben! Und auf unsere eigenen Vorstellungen von Schönheit vertrauen.

6 Gedanken zu „Vom Altwerden und Altaussehen“

  1. Liebe Clara,

    deine Beiträge sind wunderbar, entweder weil sie mir just in dem Moment gut tun, mich zum Nachdenken anregen oder auch mich in meinem Empfinden bestätigen. Sehr gut tut es mir, zu erleben, dass ich mit allem nicht alleine bin. Wir sind so viele.

    Ganz lieben Dank dafür!

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  2. Danke Clare, für diesen wunderbaren Artikel.
    Er hat mich sehr ermutigt …
    Dankbarkeit für meinen Körper, der schon so viel mit mir mitgemacht hat 😉
    Sonnige Grüße
    Doro

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  3. Liebe Clara,
    mir ist gleich noch ein anderer Aspekt eingefallen – manche von uns haben ja Kinder im Teenager – Alter, die jetzt so richtig aufblühen und sich entwickeln. Mir passiert es zumindest, dass ich neben meiner Tochter stehe und in den Spiegel sehe und denke „wow, sie wird hübsch“ – und dann schau ich in mein Gesicht mit den deutlich werdenden Falten und den grauen Haaransätzen und muss schlucken. Das würde vermutlich auch keine Mutter zugeben, aber ich bin sicher, ich bin nicht die einzige. Also freue ich mich jetzt darüber, dass ich die ganze zweite Lebenshälfte vor mir habe mit mehr Gelassenheit und mehr Glück in der Langsamkeit und meine Tochter ihr ganzes Leben noch vor sich hat. Viele Grüße!

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    • Liebe Jasmin, da hast du sicher recht. Diesen Aspekt habe ich so nicht erlebt, da ich zwei Söhne habe. Da vergleicht man zum Glück weniger 🙂
      Lass dich nur nicht zu sehr blenden von der jugendlichen Schönheit!
      Liebe Grüße, Clara

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  4. Liebe Clara, Du weißt, wie sehr ich Deine wöchentlichen Beiträge aufsauge. Dieser hat mich besonders berührt. Mach weiter so! Petra

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