Selbstakzeptanz: Mein Bauch und ich

Letzte Woche hatte ich ein echtes Horrorerlebnis. Ich hatte mir ein neues T-Shirt gekauft, das farblich perfekt mit einem Rock aus meinem Kleiderschrank harmonierte. Als ich die Kombi live testen wollte, passierte es: Ich hatte noch nicht einmal versucht, den Reißverschluss zuzuziehen, da krachten schon die Nähte des Bleistiftrocks. Okay, er war tatsächlich mindestens zehn Jahre alt und schon immer ziemlich eng. Aber bisher konnte ich mich immer darauf verlassen, dass mir selbst meine Klamotten aus der Jugend noch passten.

Ein paar Tage später wollte ich meine Wanderhose anziehen. Die hat nun wirklich immer sehr bequem und luftig gesessen. Und auf einmal kneift sie gewaltig, der Knopf geht fast nicht mehr zu. Das hat mich endgültig in eine Krise gestürzt.

Klar weiß ich, dass in den Wechseljahren durch die hormonelle Umstellung der Anteil des Bauchfetts wächst. Hab ja oft genug darüber geschrieben. Und eigentlich finde ich das auch gar nicht schlimm. Bei anderen Frauen.

Andere Frauen so zu akzeptieren, wie sie sind, fällt mir überhaupt nicht schwer. Dick, dünn, grauhaarig, faltig, mit Apfelpo oder Cellulite und Reiterhosen: Ich finde tatsächlich jede Frau auf ihre Weise schön. Ganz abgesehen davon, dass die Ausstrahlung für das Aussehen ohnehin von viel größerer Bedeutung ist als irgendwelche vermeintlichen Schönheitskriterien.

Wenn der innere Kritiker schreit: „Du musst abnehmen!“

Mit Selbstakzeptanz tue ich mich ungleich schwerer. Mir gegenüber lege ich viel strengere Kriterien an. Nicht nur, was das Aussehen betrifft – auch in Sachen Leistungsfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit und so weiter. Wahrhaben zu müssen, dass die Wechseljahre auch an meiner Figur nicht spurlos vorübergehen, war ein harter Brocken. Kurzfristig bin ich in ganz alte Denkmuster zurückgefallen, die ich aus meiner Jugend kannte: „Ab sofort sind Süßigkeiten komplett gestrichen!“, „Du musst endlich mehr Sport machen!“, „Statt Pizza gibt´s heute nur Salat.“, „Vielleicht solltest du es mal mit FdH probieren?“ Eigentlich dachte ich, dass ich diesen Diätwahnsinn spätestens mit Mitte zwanzig überwunden hatte. Nach einer massiven Essstörung hatte ich es damals geschafft, mein Verhältnis zur Nahrungsaufnahme zu entkrampfen, nebenbei zehn Kilogramm abzunehmen und meine Figur seither quasi unverändert zu halten. Ich habe „einfach“ gegessen, was mir geschmeckt hat und aufgehört, wenn ich satt war.

Dein eigenen Körper lieben, wie er ist

Und jetzt dieser Rückfall. Aber nach zwei Tagen, in denen ich mir verzweifelt überlegt habe, wie ich den unliebsamen Bauchspeck möglichst schnell wieder loswerden könnte, dämmerte mir zweierlei: Erstens würden Selbstkasteiung und Diätvorschriften vermutlich nur dazu führen, dass meine Gedanken wieder den ganzen Tag ums Essen kreisen und ich im Endeffekt noch mehr zunehme. Und zweitens ist die Herausforderung eigentlich eine ganz andere: Es geht darum, meinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist – mit allen Veränderungen, die die Wechseljahre und das Alter mit sich bringen.

Das gelingt mir noch nicht immer ganz. Aber ich übe mich darin. Was mir dabei hilft: eine Ausmist-Aktion mit nachfolgender Shopping-Tour. Nicht meine Figur muss in die alten Klamotten passen – die Klamotten sollen sich nach meiner Figur richten. Was kneift und zwickt, fliegt. Und wird durch ein paar schöne neue Stücke ersetzt, in denen mein Bauch und ich uns wohlfühlen. Dafür wurde es schon lange einmal Zeit.

7 Gedanken zu „Selbstakzeptanz: Mein Bauch und ich“

  1. Liebe Clara, wie bist du eigentlich in meinen Kopf gekommen?! 😉
    Du sprichst mir so aus der Seele, jedes Wort fühle ich zu 100%.
    Liebe Grüße
    Edina

    Antworten
  2. Endlich mal eine Geschichte, die einen lächeln lässt. Ich hatte schon immer mit Gewicht zu kämpfen, aber jetzt akzeptiere ich es mittlerweile , mein Süßer liebt meine weichen Kurven, es gibt Wichtigeres im Leben. Nur alles Entbehren hilft auch nicht, glücklich zu sein. Und es gibt genügend Menschen, die einen von der Seite ansehen, als hätte man eine sichtbare Krankheit. Gott sei Dank kann man sie ignorieren, die werden auch mal älter…

    Antworten
  3. Hallo…
    Ein wirklich sehr schöner Artikel. Das zaubert mir sofort ein Lächeln ins Gesicht. Ich und mein Bauch🤣 Fühle dich schön. Das ist wichtig. Jeden Tag auf’s Neue.

    Antworten
    • Vielen Dank, liebe Yvonne, das freut mich! Und ja – wir alle sind schön und sollten uns über unseren Körper freuen!
      Liebe Grüße
      Clara

      Antworten
  4. Liebe Clara,
    ein wunderbarer Text, der aus meiner Tastatur geflossen sein könnte. Ich finde (fast) jede Frau schön, Figur fällt mit nur in großen Extremen auf, aber ich würde nie daran herumkritteln.
    Bei mir tickt die Uhr anders. Dieses Rockerlebnis habe ich auch gehabt. Nun hadere ich hier und da schon immer mal mit meinem Bauch, aber er ist eben wie er ist. An guten Tagen. An weniger guten…
    Deshalb finde ich deine Worte sehr schön, sehr angemessen und das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht- wegen eines Bauches.
    Liebe Grüße
    Nicole

    Antworten
    • Liebe Nicole,
      vielen Dank, das freut mich sehr :-))
      Ja, es gibt gute und schlechte Tage – die habe ich auch. Aber das lange Gesicht macht die Laune an schlechten Tage ja auch nicht besser und den Bauch nicht dünner. Dann schlüpfe ich doch lieber in die Jogginghose, gehe dem Spiegel aus dem Weg und gönne mir ein Eis zum Trost.
      Lass es dir gutgehen!
      Liebe Grüße
      Clara

      Antworten

Schreibe einen Kommentar