„Nur“ in den Wechseljahren – oder krank?

Hitzewallungen, Herzrasen, Stimmungsschwankungen, depressive Zustände, Erschöpfung, Gewichtszunahme, Schlafprobleme – die Liste der Beschwerden, die die Wechseljahre mit sich bringen können, ist lang. Und vielfältig. Das Problem daran: Jedes einzelne Symptom kann nicht nur die Folge der Hormonumstellung, sondern auch einer ernstzunehmenden Krankheit sein. Das zu unterscheiden, ist nicht immer einfach.

Denn dummerweise treten einige dieser Erkrankungen in den Wechseljahren gehäuft auf – sei es wegen der hormonellen Veränderungen, der besonderen psychischen Belastung in dieser Lebensphase oder einfach des Alters. Das kann zu zwei ganz gegensätzlichen Fehleinschätzungen führen. Entweder werden die Beschwerden verharmlost: „Das sind alles nur die Wechseljahre, das geht vorbei.“ Oder aber man vermutet hinter jedem Symptom eine Erkrankung, obwohl es „nur“ eine normale, wenn auch belastende Folge der hormonellen Veränderung ist. 

Folgenschwer ist beides, denn sowohl eine Unter- als auch eine Übertherapie belasten den Körper und bringen langfristig nicht die erhoffte Besserung. Auch wenn einige Beschwerden in den Wechseljahren auf den ersten Blick rein hormonell bedingt sind, ist deshalb eine gründliche Diagnostik wichtig. Das gilt besonders bei psychischen Symptomen, hinter denen beispielsweise eine Depression, ein Burnout oder eine Unterfunktion der Schilddrüse stecken kann – oder eben auch „normale“ hormonbedingte Stimmungsschwankungen. Selbst so vermeintlich typische Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen und Herzrasen können eine behandlungsbedürftige körperliche Ursache haben. 

Depressionen

In den Wechseljahren kommen verschiedene Faktoren zusammen, die Depressionen begünstigen können. Zum einen beeinflussen Östrogen und Progesteron direkt die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin – und damit unsere Stimmung. Das Absinken der Hormonspiegel leistet deshalb psychischen Symptomen wie Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit oder Konzentrationsschwäche Vorschub. Zum anderen weiß man, dass in Phasen hormoneller Veränderungen – wie zum Beispiel nach der Geburt eines Kindes – Depressionen häufiger auftreten. Dazu kommt noch, dass die Wechseljahre in verschiedenster Hinsicht eine psychische Belastung darstellen können: etwa wenn die Kinder aus dem Haus gehen, körperliche Symptome wie Hitzewallungen und Schlafstörungen den Alltag erschweren oder sich die Angst vor dem Älterwerden meldet. All das kann bei einer entsprechenden Veranlagung die Entwicklung von Depressionen fördern. Dass die Wechseljahre als solche eine Depression verursachen, gilt heute allerdings als ausgeschlossen.

Zeichen einer Depression:

  • Antriebslosigkeit
  • Interessenverlust
  • Niedergeschlagenheit
  • Konzentrationsschwäche
  • Müdigkeit
  • Schlafstörungen
  • Hoffnungslosigkeit
  • verminderter oder verstärkter Appetit
  • geringe Selbstachtung
  • sozialer Rückzug
  • Suizidgedanken

Gelegentliche, vorübergehende Phasen von Trübsinn und Antriebsschwäche sind noch keine Depression. Wenn die niedergeschlagene Stimmung aber dauerhaft dein Leben beherrscht, du keine Freude mehr an Dingen hast, die du immer gerne getan hast, und dir einfach alles zu viel ist, such dir bitte professionelle Hilfe – besser heute als morgen. Lass dir nicht einreden, dass das alles nicht so schlimm und in den Wechseljahren ganz normal ist. Das gilt besonders dann, wenn du früher bereits einmal Depressionen hattest oder jemand aus deiner Herkunftsfamilie darunter leidet.

Die erste Anlaufstelle ist meistens der Hausarzt/ die Hausärztin, die dich dann an eine psychiatrische oder psychotherapeutische Praxis überweist. Je nach Schwere der Erkrankung und nach den individuellen Präferenzen kann eine Depression durch eine Psychotherapie oder Medikamente oder beides zusammen behandelt werden. Bei leichten bis mittelschweren Formen hat sich auch hochdosiertes Johanniskraut als wirksam erwiesen. Körperliche Bewegung und sportliches Training haben ebenfalls nachweislich einen positiven Effekt. Wenn die Symptome vor allem in der dunkleren Jahreszeit auftreten (bei einer saisonal bedingten Depression also), kann eine Lichttherapie mit einer Tageslichtlampe helfen.

Die Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Internetseite einen Selbsttest an, der dir helfen kann, die eigenen Symptome einzuordnen. 

Wenn du Fragen zur Erkrankung oder zu Anlaufstellen in deiner Nähe hast, kannst du dich auch an das Info-Telefon Depression wenden: 0800-33 44 533 (Mo, Di, Do: 13:00 bis 17:00 Uhr; Mi, Fr: 08:30 bis 12:30 Uhr)

Die Telefonseelsorge erreichst du rund um die Uhr, anonym und kostenfrei unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222.

Wie Bettina ihren Weg aus einer schweren Depression gefunden hat, kannst du in dem Beitrag „Ich habe über Jahre nur wie ein Roboter funktioniert“ nachlesen.

Burnout

Frauen in der Lebensmitte haben sich oft jahrzehntelang für ihre Familie und ihren Job aufgearbeitet. Manch eine startet beruflich noch einmal richtig durch, wenn die Kinder selbständig werden, sucht sich neue Herausforderungen oder macht sich selbständig. Oft kommen neue Belastungen durch pflegebedürftige Eltern dazu. Leider tragen aber die hormonellen Veränderungen in den Wechseljahren dazu bei, dass wir Stress nicht mehr so gut wegstecken, unsere körperliche Leistungsfähigkeit sinkt und wir mehr Erholungsphasen brauchen. Solange wir gut auf uns achten und für den nötigen Ausgleich sorgen, muss das nicht zum Problem werden. Muten wir uns über lange Zeit zu viel zu, kommt aber oft irgendwann das Gefühl auf: Ich kann einfach nicht mehr, bin leer und ausgebrannt.

Bis heute ist Burnout keine anerkannte Krankheit, sondern wird in der medizinischen Klassifikation als „gesundheitsbeeinflussender Faktor“ gelistet. Auch eine verbindliche Definition von Burnout gibt es nicht. Die Symptome überschneiden sich in vielen Bereichen mit denen einer Depression. Anders als bei dieser tritt der Erschöpfungszustand beim Burnout-Syndrom allerdings in Folge einer anhaltenden beruflichen und/ oder privaten Überlastung auf. Ein Burnout kann aber zu einer Depression führen. 

Was das Risiko für ein Burnout steigert: der eigene Perfektionismus, ein stark ausgeprägtes Leistungsdenken, ein „Helfersyndrom“, geringes Selbstwertgefühl und hohes Harmoniebedürfnis. Aber natürlich spielen auch die Rahmenbedingungen der Arbeit und das Betriebsklima eine große Rolle.

Symptome eines Burnouts:

  • Energieverlust
  • Erschöpfung
  • Konzentrationsschwäche
  • Leistungsminderung
  • distanzierte bis zynische Einstellung zur Arbeit

Erster Ansprechpartner bei einem Verdacht auf Burnout ist der Hausarzt oder die Hausärztin. Bei Bedarf kann er oder sie dann zu einem Spezialisten für Psychiatrie, Psychologie oder Psychotherapie überweisen.

Eine Standardtherapie für Burnout gibt es bislang nicht. Meistens hilft eine Kombination verschiedener Maßnahmen: eine Veränderung der Arbeitssituation, das Erlernen und regelmäßige Üben von Entspannungstechniken, das Überprüfen der eigenen Verhaltensmuster und Glaubenssätze im Rahmen einer Psychotherapie, der Einbau von Erholungspausen in den Tagesplan. Rechtzeitig angewandt können dieselben Strategien auch helfen, einem Burnout vorzubeugen.

Hashimoto

Die Hashimoto-Thyreoiditis, wie es medizinisch korrekt heißt, ist eine Funktionsstörung der Schilddrüse. Schuld ist eine Fehlsteuerung des Immunsystems: Der Organismus bildet Antikörper gegen sein eigenes Schilddrüsengewebe. Das führt zu einer chronischen Entzündung des Organs, die sich anfangs meist als Überfunktion und später als Unterfunktion äußert. Etwa jede fünfte Frau trägt die genetische Veranlagung dazu in sich. Ein häufiger Auslöser für den Ausbruch der Erkrankung sind die hormonellen Umstellungen in den Wechseljahren.

Hashimoto-Symptome:

  • ständige Müdigkeit
  • Antriebslosigkeit
  • schnelle Erschöpfung
  • Konzentrationsschwäche
  • bei einer Überfunktion in der Anfangsphase auch: Unruhe, Herzrasen, Schlafstörungen, vermehrtes Schwitzen

Mehr zur Diagnose und Therapie von Hashimoto findest du in meinem Beitrag „Wechseljahre oder Hashimoto“.

Bluthochdruck

Hitzewallungen und Herzrasen gelten als typische und vorübergehende Wechseljahresbeschwerden. Das sind sie aber nicht immer. Denn: In den Wechseljahren nimmt der schützende Einfluss des Östrogens auf das Herz-Kreislauf-System immer mehr ab. Dadurch steigt die Gefahr für Atherosklerose („Arterienverkalkung“) und Herzerkrankungen. Jede zweite Frau entwickelt bis zum 60. Lebensjahr Bluthochdruck. Die Folge: ein höheres Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Regelmäßiges Blutdruckmessen und die Überprüfung der Blutfettwerte sollten deshalb spätestens in den Wechseljahren selbstverständlich werden.

2 Gedanken zu „„Nur“ in den Wechseljahren – oder krank?“

  1. Danke für den Artikel. Bei mir war es Herzrasen, dass ich aber erst nach einiger Recherche den Wechseljahren zu geschoben habe. Meine Hausärztin aber nicht. Durch Zufall bin ich für ein EKG im Krankenhaus gelandet und die haben mich direkt da behalten. Vorhofflimmern. Das kann unter Umständen einen Schlaganfall auslösen. Ich bekam dann Tabletten, da die aber nicht so richtig was gebracht haben, hatte ich eine Herz OP und bin jetzt beschwerde- und vor allem Tabletten frei.
    Man sollte also wirklich alle Symptome auch vom Arzt abchecken lassen

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    • Liebe Antje, vielen Dank, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Welche ein Glück, dass du rechtzeitig die richtige Diagnose und Therapie bekommen hast!
      Ich wünsche dir alles Gute!
      Liebe Grüße, Clara

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