Bioidentische Hormontherapie – Vorteile und Risiken

Die bioidentische Hormontherapie erlebt einen wahren Hype – zuerst in den USA und zunehmend auch bei uns. Prominente von der amerikanischen Talk-Ikone Oprah Winfrey bis zu „Deutschlands beliebtester Frauenärztin“ Sheila de Liz schwören darauf. Bioidentische Hormone werden als DAS Lifestyle- und Anti-Aging-Mittel schlechthin angepriesen: Sie sollen nicht nur Hitzewallungen und Schlafprobleme verschwinden lassen, sondern auch Haut und Gewebe straffen, die Knochen stärken, die Stimmung verbessern und vor Demenz schützen. Schön blöd, wer darauf verzichtet. Oder?

Wer sich in der zweiten Lebenshälfte noch stark und sexy fühlen will, kommt an einer bioidentischen Hormontherapie offenbar nicht vorbei. Manche behaupten sogar, die bioidentische Hormontherapie in den Wechseljahren sei nichts anderes, als wenn ich meine altersbedingte Weitsichtigkeit durch eine Lesebrille korrigiere. Damit du dir darüber dein eigenes Bild machen kannst, habe ich dir hier ein paar wichtige Informationen zusammengefasst.

Was sind bioidentische Hormone?

Bioidentische Hormone besitzen dieselbe chemische Struktur wie unsere körpereigenen Hormone. Deshalb heißen sie auch genauso wie die weiblichen Geschlechtshormone: Östradiol (oder Estradiol) und Progesteron. Meistens werden sie aus dem Grundstoff Diosgenin aus der Yamswurzel hergestellt. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei älteren Hormonpräparaten um Substanzen, die unseren menschlichen Hormonen zwar ähneln, aber nicht exakt gleichen. Das sind zum Beispiel sogenannte konjugierte equine Östrogene, eine Hormonmischung, die aus dem Urin trächtiger Stuten gewonnen wird.

Ausführlichere Infos dazu findest du im Beitrag „Was sind bioidentische Hormone?

Weshalb sind bioidentische Hormone in den Wechseljahren besser?

Dass bioidentische Hormone identisch sind mit den körpereigenen, deren Produktion in den Wechseljahren zurückgeht, ist schon einmal ein großer Vorteil. Denn dadurch haben sie nicht nur eine ähnliche, sondern genau dieselbe Wirkung und sind besser verträglich. 

Pluspunkt Nummer zwei: Bioidentisches Östradiol muss man nicht schlucken; der Körper kann es über die Haut aufnehmen – als Östrogen-Pflaster, -Gel oder -Spray. Diese transdermale Anwendung ist nebenwirkungsärmer, weil die Hormone nicht in der Leber verstoffwechselt werden. Im Gegensatz zu Tabletten erhöht transdermales Östrogen deshalb vermutlich nicht das Risiko von Thrombosen und Schlaganfällen. Und weil der Wirkstoff übers Blut auf direktem Weg ans Ziel gelangt, reichen oft geringere Dosierungen aus. Außerdem kann die Frau (in gewissen Grenzen, die der Arzt/ die Ärztin vorgibt) die Dosis an ihren individuellen Bedarf anpassen.

Die transdermale Anwendung von Progesteron wird für die Hormontherapie in den Wechseljahren dagegen nicht empfohlen. Nach bisherigen Erkenntnissen schützt sie die Gebärmutterschleimhaut möglicherweise nicht ausreichend vor Krebs.

Erhöhen bioidentische Hormone das Brustkrebsrisiko?

Die meisten großen Studien zur Hormontherapie in den Wechseljahren wurden mit älteren, synthetischen Hormonpräparaten durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass das Brustkrebsrisiko steigt – umso mehr, je länger die Frauen Hormone einnahmen. Für bioidentische Hormone gibt es bislang nur wenige Studien. Die deuten darauf hin, dass das Risiko mit modernen Progesteron-Präparaten möglicherweise niedriger ist. Eine reine Östrogentherapie (die nur nach einer Gebärmutterentfernung in Frage kommt) fördert Brustkrebserkrankungen offenbar ohnehin nicht.

Allerdings steigt das Krebsrisiko auch, wenn Frauen besonders früh ihre erste Monatsblutung hatten und besonders spät in die Wechseljahre kommen – wenn der Körper also in besonders vielen Zyklen selbst Östrogen und Progesteron produziert hat. Deshalb erscheint es biologisch plausibel, dass auch eine längere Hormontherapie mit bioidentischen Hormonen das Brustkrebsrisiko beeinflusst. Für Frauen, die bereits Brustkrebs hatten oder eine genetische Veranlagung dazu in sich tragen, ist aus diesem Grund jede Hormontherapie – ob bioidentisch oder nicht – tabu.

Mehr dazu im Beitrag „Wie Hormone das Brustkrebsrisiko beeinflussen

Kommen die Hitzewallungen zurück, wenn ich mit der Hormontherapie aufhöre?

Ja, bei etwa der Hälfte der Frauen fangen die Beschwerden wieder an, wenn sie die Hormontherapie absetzen. Die Dosis allmählich zu reduzieren, kann helfen das zu vermeiden – muss aber nicht.

Wie lange kann ich bioidentische Hormone nehmen?

Manche Ärzte raten dazu, die bioidentische Hormontherapie bis ans Lebensende fortzuführen. Sie argumentieren vor allem mit der besseren Lebensqualität und dem Schutz vor Osteoporose. Allerdings gibt es dazu bisher keine Langzeitstudien. Ein bisschen Skepsis halte ich deshalb für durchaus berechtigt. Denn auch die negativen Folgen der klassischen Hormontherapie mit synthetischen Hormonen haben sich erst nach 20 Jahren offenbart. Die medizinische Leitlinie empfiehlt eine Hormontherapie explizit nur für die Behandlung von Wechseljahresbeschwerden.

Welche Nachteile hat die bioidentische Hormontherapie?

Gegenüber der klassischen Hormontherapie mit synthetischen Hormonen haben bioidentische Hormone viele Vorteile. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind bisher nicht bekannt – unter anderem, weil eben Langzeitstudien noch fehlen. Aber: Hormone sind definitionsgemäß Substanzen, die schon in winzigen Mengen weitreichende Wirkungen auf den Organismus haben. Ihre körpereigene Produktion unterliegt deshalb einer sehr komplexen, fein justierten Steuerung. Wenn man Östrogen und Progesteron von außen zuführt, beeinflusst das unter Umständen auch andere Hormone und Vorgänge im Körper – wo und wie, ist noch gar nicht bis ins Detail erforscht. Zudem werden Östrogen und Progesteron normalerweise zyklisch produziert; konstant hohe Hormonspiegel kommen im Frauenleben praktisch nicht vor. 

Studien zeigen beispielsweise, dass eine Hormontherapie in den Wechseljahren Inkontinenz verstärken oder auslösen kann.

Anders als beispielsweise eine Schilddrüsenunterfunktion sind die Wechseljahre keine Mangelerkrankung, bei der fehlende Hormone unbedingt ersetzt werden müssen. Der Rückgang der Östrogen- und Progesteron-Produktion ist vielmehr ein ganz normaler Vorgang im Leben einer Frau (mehr dazu: „Was ist der Sinn der Wechseljahre?“). Wer unter massiven Beschwerden leidet, für den kann die bioidentische Hormontherapie eine echte Hilfe sein – und die Lebensqualität in den Wechseljahren erheblich verbessern. Was bioidentische Hormone aber nicht sind: eine „sanfte“ oder „natürliche“ Korrektur einer altersbedingten Funktionsschwäche. Sie mit einer Brille oder einem Hörgerät zu vergleichen, das in keinster Weise in die Körperchemie eingreift, ist eine fahrlässige Verniedlichung.

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