War vor den Wechseljahren alles besser?

„Ich bin gar nicht mehr ich selber!“ oder „Ich wäre so gerne wieder die Alte, so wie ich früher war!“, höre ich Frauen in den Wechseljahren oft seufzen.

Ich gebe es zu: Manchmal sehne ich mich auch nach meinem jüngeren Ich. Nach der Frau, die voller Power war, alles im Griff hatte, bis in die Puppen feiern konnte und am nächsten Morgen in die Berge ging. Die essen konnte, was sie wollte, nachts gut schlief und tagsüber nicht zu bremsen war.

Und heute? Falle ich abends manchmal schon um neun Uhr todmüde ins Bett und wälze mich die halbe Nacht schlaflos und schwitzend von einer Seite auf die andere. Tagsüber kratze ich mühsam und unter Zuhilfenahme sämtlicher legaler Dopingmittel meine letzten Körnchen Energie zusammen, um meiner Arbeit nachzugehen – mehr schlecht als recht. Müdigkeit, Unausgeglichenheit und Nebel im Kopf sind zu meinen zuverlässigsten Begleitern geworden.

Das alte Ich kommt nicht zurück

Ganz abgesehen davon, dass meine Erinnerung an mein jüngeres Ich bei ehrlicher Betrachtung wohl eher einer Idealvorstellung entspringt als der Realität: Macht es wirklich Sinn zu hoffen, dass das frühere Ich irgendwann zurückkommt? Sind die Wechseljahre nur ein lästiger, aber vorübergehender Zustand? Den wir mit geeigneten Medikamenten ausblenden können? Um weiter so zu funktionieren wie früher? 

Aus medizinischer Sicht ist nach der Menopause alles anders: Die Phase der Fruchtbarkeit ist beendet, die Produktion der Sexualhormone stark zurückgefahren. Die Knochen verlieren an Stabilität, Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen zu, das Demenzrisiko steigt. Keine erbauliche Aussicht. 

Der Wunsch, dass – zum Beispiel durch die Zufuhr von bioidentischen Hormonen – alles wieder wird wie früher, ist verständlich. Gleichzeitig bremst er aber auch die Auseinandersetzung damit, dass die Wechseljahre eben einen Wechsel einläuten: Eine neue Lebensphase beginnt. Ganz ähnlich wie in der Pubertät. Kein Mensch würde erwarten, dass Jugendliche nach dieser hormonellen Umsturzphase wieder so werden, wie sie vorher waren. Körper und Seele verändern sich – unwiderruflich. Und auch wenn manche Mama vielleicht traurig ist, dass sich das kleine anschmiegsame Mädchen in einen rebellischen, reizbaren Teenager verwandelt hat – die Tochter selbst sehnt sich ganz sicher nicht zurück.

Wer wird schon gerne alt?

Die Veränderungen in den Wechseljahren sehen wir in einem ganz anderen Licht. Wir verbinden sie in erster Linie mit dem Älterwerden und körperlichem Verfall. Mit Verlust statt Gewinn. Kein Wunder, denn in unserer Gesellschaft hat das Alter hat keinen guten Ruf. Besonders bei Frauen nicht.

Die Gesellschaft können wir kurzfristig kaum ändern. Unsere eigene Einstellung aber schon. Mir hilft dabei das Bild vom biologischen Sinn der Wechseljahre: Nach der sogenannten Großmutter-Hypothese setzt das Ende der Fruchtbarkeit bei der Frau neue Ressourcen frei, die in der Evolution zum Fortbestand unserer Art beigetragen haben. Die Menopause als Superpower der Menschheit. Yeah!

Auch wenn ich in meinen Wechseljahren gerade nicht viel von dieser Superpower spüre: Die Idee gefällt mir. Unsere körperlichen Kräfte mögen mit dem Alter schwinden. Die Psyche aber profitiert von einer neuen Stärke, die wir für unsere Neuorientierung nutzen können. Die sinkenden Östrogen- und Progesteronspiegel bewirken auch, dass wir nicht mehr so viel Energie darein verschwenden, es anderen rechtzumachen. Nach all den Jahren des Kümmerns um Familie, Haushalt und Beruf sind jetzt wir an der Reihe: Was brauchen wir, damit es uns gutgeht? Wie wollen wir leben? Was soll bleiben, wie es ist, was muss sich ändern?

Auf dem Weg zu einem neuen Lebensgefühl

Die meisten Frauen spüren nach den Wechseljahren eine neue Klarheit. Sie geben weniger auf die Meinung anderer, stehen mehr für die eigenen Interessen ein. Man gewinnt an Gelassenheit. Immer mehr kristallisiert sich heraus, was das Leben lebenswert macht: die persönliche Zufriedenheit, die Wertschätzung für das, was wir haben und sind. Nicht umsonst fühlen sich die meisten Menschen mit 50, 60 oder 70 Jahren glücklicher als mit 40. Das zeigen Studien immer wieder.

Um dahin zu gelangen, brauchen wir vielleicht ein paar anstrengende Wechsel-Jahre. Vielleicht wollen uns unsere Hitzewallungen und Launenhaftigkeit dazu zwingen, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Zu erkennen, was uns im Leben wichtig ist, und zu lernen, mit unseren Kräften besser hauszuhalten. 

Will ich auf diese positiven Veränderungen verzichten und mein altes, prämenopausales Ich wieder zurück? Auf keinen Fall. Ich freue mich auf das neue Lebensgefühl, auf die Freiheit, ich selbst zu sein. Ich bin dabei zu lernen, mich mehr um mich selbst zu kümmern.  So habe ich neue Seiten und neue Talente an mir entdeckt, die früher keinen Platz gehabt hätten, sich zu entwickeln. Ich habe in meinem Leben aufgeräumt und mich aus Beziehungen gelöst, die mir nicht guttun. Insgesamt führe ich ein viel selbstbestimmteres Leben als früher. Dass der Weg zu meinem neuen Ich mit Schwitz-, Frust- und Müdigkeitsanfällen gepflastert ist, gehört offensichtlich dazu.

Dieser Blogpost ist ein Beitrag zur Blogparade „Wechseljahre – und dann?“ von Silke Geissen, Blogger-Kollegin und Life-Coach aus Hamburg.

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2 Gedanken zu „War vor den Wechseljahren alles besser?“

  1. Liebe Clara,

    ganz besonders herzlichen Dank für deinen fundierten, reflektierten Artikel, den du in meiner Blogparade geteilt hast. Besonders schön finde ich auch, dass du die Mitschreiberinnen noch einmal geteilt hast. Danke fürs großartige Netzwerken, es ist mir ein Vergnügen!

    Liebe Grüße
    Silke

    Antworten
  2. Liebe Clara,
    vielen Dank für die Erwähnung – und die schöne Zusammenstellung. Da werde ich sehr gerne auch noch stöbern. Es gibt so viel Gutes in dieser Phase – natürlich auch Herausforderungen. Aber ganz besonders freut mich, wie viele tolle Frauen ich in diesem Alter kenne und was sie alles auf die Beine stellen.
    Herzliche Grüße,
    Korina

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