Warum bioidentische Hormone nicht immer besser sind

Nebel im Hirn? Stimmungsschwankungen? Schlafprobleme? Diese und ähnliche Symptomen kennen sehr viele Frauen in den Wechseljahren – besonders in der Perimenopause, also vor der endgültig letzten Monatsblutung. Oft wird dafür der sinkende Progesteronspiegel verantwortlich gemacht. Tatsächlich hat der aber gar nicht so viel damit zu tun, erklärte mir kürzlich die Hormonspezialistin Dr. Anneliese Schwenkhagen. Sie ist Vorstandsmitglied der Deutschen Menopause-Gesellschaft und seit über 20 Jahren Mitinhaberin einer Praxis für gynäkologische Endokrinologie in Hamburg. Für einen Titelbeitrag für die Pharmazeutische Zeitung sprach ich mit ihr über psychische und kognitive Symptome der Wechseljahre.

»Nach unserem heutigen Verständnis sind vor allem die extremen Schwankungen des Östrogenspiegels für diese Beschwerden verantwortlich«, berichtet sie. In der Perimenopause gerät die Eizellreifung aus dem Takt: Manchmal bleibt der Eisprung aus, dann wieder reifen mehrere Eizellen kurz nacheinander. Dadurch können die Östrogenwerte auf ein Vielfaches steigen – um kurze Zeit später komplett in den Keller zu fallen. „Für diese starken Schwankungen sind das Gehirn und das Nervensystem nicht ausgelegt“, sagt die Frauenärztin.

Gehirnzellen reagieren auf Hormone

Gehirnzellen sind reich an Östrogenrezeptoren – also Andockstellen, über die der Stoffwechsel auf das Sexualhormon reagiert. Besonders viele davon liegen in Bereichen, die zum Beispiel für das Gedächtnis, den Schlaf-Wach-Rhythmus und die Regulation von Emotionen zuständig sind. Klar, dass sich das Hormonchaos hier bemerkbar macht. Pflanzliche Präparate wie Lavendel oder Baldrian oder Nahrungsergänzungsmittel wie Magnesium oder Melatonin können bei manchen Frauen die Beschwerden lindern, helfen aber nicht immer ausreichend.

Wie stark das Gehirn auf die Achterbahnfahrt der Östrogene anspricht, ist individuell unterschiedlich. Besonders anfällig für psychische Probleme in den Wechseljahren sind Schwenkhagen zufolge Frauen, die schon früher Zeichen eines hormonsensitiven Gehirns gezeigt haben. Das können zum Beispiel zyklusabhängige Migräneanfälle sein, Depressionen nach der Geburt eines Kindes oder PMDS (prämenstruelle dysphorische Störung, eine besonders schwere Form des prämenstruellen Syndroms PMS). Bei diesen Frauen ist auch das Risiko höher, dass sie in den Wechseljahren eine behandlungsbedürftige Depression entwickeln.

Frauen, die in der Perimenopause sehr stark unter Brainfog, Schlaflosigkeit, trüber Stimmung oder blankliegenden Nerven leiden, setzen oft große Hoffnung auf eine bioidentische Hormontherapie. Wenn in erster Linie die stark schwankenden Östrogenspiegel für die Beschwerden verantwortlich sind, bringt bioidentisches Progesteron allerdings wenig, weiß Dr. Schwenkhagen. Denn: Um ein ausgewogenes hormonelles Milieu zu schaffen, müsse man die Eierstockfunktion drosseln, erläutert sie. Das erreicht man mit bioidentischem Progesteron in den gängigen Dosierungen nicht. Allenfalls kann es durch ein Abbauprodukt, das in der Leber entsteht, schlafanstoßend wirken. Am Hormonchaos durch die außer Takt geratenen Zyklen ändert bioidentisches Progesteron aber nichts. Bei PMDS kann es die Beschwerden sogar noch verschlimmern.

Synthetische Hormone können für Ruhe sorgen

Stattdessen setzt die Hormonspezialistin in ihrer Praxis in solchen Fällen synthetische Progesteron-Verwandte (Gestagene) ein. Das sind zum Beispiel die Wirkstoffe Desogestrel, Dienogest, Drospirenon oder Chlormadinon. Frauen, die an einem Östrogenmangel leiden, verschreibt sie zusätzlich bioidentisches Östrogen – „am liebsten transdermal als Pflaster, Spray oder Gel“, wie sie sagt. Damit verhindert man die Verstoffwechselung in der Leber, die unter anderem das Thromboserisiko erhöht.

Für Frauen ohne besondere Risikofaktoren – wie Übergewicht, Rauchen oder eine erhöhte Thromboseneigung – kommt auch eine Kombipille in Frage. In der Perimenopause empfiehlt die Fachärztin die Einnahme „im Langzyklus“, also ohne Pillenpause. Trotz ihrer langjährigen Praxiserfahrung gibt sie jedoch zu, dass die Suche nach einer zufriedenstellenden Therapie in der Perimenopause oft eine Herausforderung ist: „Es gibt auch Frauen, bei denen alles nicht funktioniert.“ Einfacher werde es nach der Menopause: Da erziele man mit einer bioidentischen Hormontherapie meist sehr gute Effekte, sagt sie.

Bei vielen Frauen bessern sich die Symptome allerdings ohnehin wieder, wenn sich die Hormonspiegel auf einem niedrigen, aber gleichbleibenden Niveau einpendeln. Sobald sich der Körper an die neue Situation angepasst hat, lichtet sich der Gehirnnebel meist wieder, die Nächte werden erholsamer und die Ausgeglichenheit kehrt zurück.

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