„Hilfe, ich verblöde!“ – Wechseljahre oder Demenz?

Kommt es dir auch manchmal so vor, als würde sich dein Gehirn allmählich in zähem Nebel auflösen? Als könntest du zeitweise keinen klaren Gedanken mehr fassen, keinen auch nur ansatzweise komplexen Zusammenhang durchschauen? Ganz zu schweigen davon, dass du vergisst, was du als nächstes machen wolltest oder wie der Kollege heißt? 

Glaub mir, das kenne ich. Allzu gut leider. Und ich kann dich (und mich) beruhigen: Das ist normal. Probleme mit dem Gedächtnis, der Konzentration und dem Denkvermögen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen der Wechseljahre. Zwei von drei Frauen leiden unter dem „Meno-Brain“. Hauptursache der zeitweisen „Verblödung“ ist – wie sollte es anders sein – der sinkende Hormonspiegel. Denn Östrogen entfaltet seine Wirkung auch im Gehirn: Es dockt an unseren „grauen Zellen“ an und beeinflusst ihre Aktivität – besonders in den Regionen, die für das Gedächtnis, die Stressregulation und die Konzentration zuständig sind.

Kein Wunder also, dass unser Denkorgan unter dem Hormonchaos der Wechseljahre leidet. Wenn sich der Körper an das gleichbleibend niedrige Hormonniveau nach der Menopause gewöhnt hat, lichtet sich der Nebel im Gehirn wieder.

Theoretisch könnten wir uns also beruhigt zurücklehnen und darauf vertrauen, dass es bald wieder besser wird. Bis dahin helfen wir unserem Gehirn mit detaillierten To-Do-Listen, Kalendereinträgen und der Memo-Funktion am Handy, die flüchtige Geistesblitze festhält. Schwierig wird es allerdings, wenn wir unser Geld mit Kopfarbeit verdienen. 

Wenn der Gehirnnebel die Existenz bedroht

Für mich persönlich ist das Meno-Brain eines der belastendsten Symptome der Wechseljahre. Als Journalistin bin ich von der Kooperationsbereitschaft meines Gehirns abhängig. Verweigert es den Dienst, kann ich mich anstrengen, so viel ich will – ich bringe keinen vernünftigen Text zustande. (Das ist auch der Grund, weshalb mein Blog leider manchmal ein paar Wochen brachliegt…) Wie oft sitze ich vor dem Computer und bin ich am Verzweifeln, weil es mir nicht gelingt, einen sinnvollen Satz zu formulieren, mir ein bestimmter Begriff nicht einfällt oder ich eine etwas komplexere wissenschaftliche Erklärung einfach nicht verstehe. Ich brauche Tage für einen Artikel, den ich eigentlich – um wirtschaftlich zu arbeiten – in zwei Stunden fertig haben müsste.

Was, wenn dieser Zustand anhält? Und womöglich gar nicht mehr verschwindet – oder sogar mit den Jahren schlimmer wird? Dieser Gedanke macht mir Angst. Bei meinem dementen Vater erlebe ich, wie schrecklich der allmähliche Verfall der geistigen Fähigkeiten ist – für den Betroffenen ebenso wie für die Angehörigen. Und Demenz ist zu einem gewissen Teil erblich. Woher weiß ich, ob meine intellektuellen Aussetzer nicht doch erste Anzeichen einer Demenz sind?

Droht nach der Menopause die Demenz?

Es ist leider eine Tatsache: Nach den Wechseljahren steigt das Risiko für Alzheimer und andere Demenzformen. Denn ohne den schützenden Einfluss des Östrogens sinkt die Lebensdauer der Nervenzellen. Wie Forschende in der sogenannten Rheinland-Studie kürzlich herausgefunden haben, kommt es nach der Menopause gehäuft zu Strukturveränderungen in der Weißen Substanz im Gehirn. Die erscheinen in Kernspinaufnahmen als charakteristische helle Flecken und werden mit Durchblutungsstörungen, Schlaganfall und Hirnleistungsstörungen in Verbindung gebracht. Zwischen Frauen vor der Menopause und gleichaltrigen Männern fanden sich keine signifikanten Unterschiede – erst in den Jahren danach waren Frauen deutlich stärker betroffen. Auch die Bildung der Eiweiß-Ablagerungen, die zur Alzheimer-Erkrankung führen, wird durch den Östrogenrückgang gefördert. Studien zeigen, dass das Demenzrisiko bei Frauen umso höher ist, je später sie in die Pubertät kamen und je früher die Menopause einsetzte – je kürzer also die Zeitspanne war, in der die Eierstöcke Östrogen produzieren.

In wissenschaftlichen Studien haben Forscherinnen und Forscher zwar einige Möglichkeiten gefunden, die Vorboten von Alzheimer schon viele Jahre vor dem Ausbruch der Erkrankung im Blut oder im Gehirn nachzuweisen. Praktisch eingesetzt wird bisher aber keine davon. Unter anderem deshalb, weil die Behandlungsmöglichkeiten von Demenz noch sehr eingeschränkt sind. Bestenfalls kann man das Fortschreiten der Erkrankung ein wenig aufhalten. Eine effektive Methode der Vorbeugung oder Heilung gibt es bislang nicht.

Wie du trotz Meno-Brain klar im Kopf bleibst

Diese drei Punkte helfen mir, mit dem Gehirnnebel in den Wechseljahren besser zurechtzukommen:

Akzeptanz

Gut für sich selbst zu sorgen, auch wenn es nicht so läuft, wie man sich das vorstellt – das gehört zu den wichtigsten Dingen, die wir in den Wechseljahren lernen dürfen. Unter Druck blockiert das Gehirn noch mehr. Ich übe mich also in Selbstakzeptanz und Nachsicht mit meinen Schwächen. Ich gestehe mir zu, dass ich mehr Zeit für meine journalistische Arbeit brauche als früher. Und dass es Tage gibt, an denen gar nichts geht. An denen mache ich Bürokram oder Haushalt. Muss auch mal sein. 

Optimismus

Sich Sorgen zu machen, bringt nichts. Bis das Gegenteil feststeht, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass meine zeitweise geistige Umnachtung kein Vorbote einer Demenz, sondern nur eine vorübergehende Folge der Wechseljahre ist. Bisher spricht zum Glück nichts dafür, dass es anders ist.

Lebensstil

Mit gesunder Ernährung kann man einiges dazu beitragen, das Gehirn langfristig fit zu halten – oder möglichst schnell wieder fit zu bekommen. Weil Studien kürzlich ergeben haben, dass ein Vitamin-B12-Mangel Alzheimer fördern kann, achte ich auf eine ausreichende B12-Versorgung. Für Vegetarierinnen und besonders Veganerinnen ist das ohne eine entsprechende Nahrungsergänzung schwierig. Auch mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren wird eine positive Wirkung auf das Gehirn zugeschrieben. Dass sie einer Demenz tatsächlich vorbeugen können, ist allerdings wissenschaftlich nicht erwiesen. Nun ja, die Hoffnung stirbt zuletzt… Belegt ist dagegen, dass regelmäßige körperliche Bewegung die Leistungsfähigkeit des Gehirns verbessert. Ausreichend trinken ist ebenfalls wichtig. Bei akuten Denkschwierigkeiten mache ich deshalb gerne eine kleine Pause, trinke ein Glas Wasser und gehe eine Runde um den Block. Notfalls helfen auch ein paar Gymnastikübungen am offenen Fenster. 

Und wie ist das mit einer Hormontherapie? Kann die den geistigen Verfall nach den Wechseljahren aufhalten? Plausibel wäre das – schließlich scheint der Östrogenrückgang ja der Hauptübeltäter zu sein. Doch die Studienergebnisse hierzu sind widersprüchlich. In der Rheinland-Studie zeigten Frauen mit und ohne Hormontherapie praktisch die gleichen Veränderungen an der weißen Substanz im Gehirn. In einer 2021 veröffentlichten US-Studie hatten die Forschenden nach einer mehrjährigen Hormontherapie dagegen ein geringeres Risiko für Alzheimer und andere durch Nervenschäden bedingte Erkrankungen gefunden.

Ob mein derzeitiger Hirnnebel „nur“ die temporäre Folge der hormonellen Achterbahnfahrt in den Wechseljahren ist oder doch ein Vorbote einer Demenz – das werde ich, wenn überhaupt, erst in einigen Jahren erfahren. Bis dahin versuche ich, das Vertrauen in meine geistigen Fähigkeiten nicht zu verlieren. Und hoffe auf deine Nachsicht, wenn mal wieder ein paar Wochen kein neuer Blogbeitrag erscheint.

Mehr Infos über Demenz findest du hier: https://www.deutsche-alzheimer.de/demenz-wissen

10 Gedanken zu „„Hilfe, ich verblöde!“ – Wechseljahre oder Demenz?“

  1. Liebe Clara! Ich bin auf deinen Beitrag gestossen weil ich auf der Suche nach einer Erklärung für meinen Zustand bin. Die Ärzte konnten mir nicht helfen, daher versuche ich Antworten im Netz zu finden. Ich bin nicht in den Wechseljahren, habe jedoch vor 10Mt. geboren und vor 1 Mt. meine 1. Blutung nach der Geburt gekriegt. Kann es sein, dass sich der von dir beschriebene hormonelle Zustand während der Wechseljahre auch bei der Hormonumstellung nach einer Geburt einstellt? Weisst du etwas darüber? Nach meiner Logik ist es der umgekehrte Fall (Blutung kommt wieder, und geht nicht wie in den Wechseljahren) können die Symptome trotzdem identisch sein?
    Ich danke Dir für die Antwort!
    Grüsse aus der Schweiz!

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    • Liebe Marion, das Phänomen „Nebel im Hirn“ kennt man durchaus auch während der Schwangerschaft und nach der Geburt. Da heißt es dann „Baby Brain“ 😉. Die Ursache ist vermutlich ein hormonbedingter Umbau des Gehirns, der dafür sorgt, dass die Mutter die Bedürfnisse des Kindes besser wahrnehmen kann. Das kann laut Studien zwei Jahre oder länger anhalten. Also: andere Ursache, gleich e Wirkung 🙃😅
      Ich wünsche dir alles Gute und viel Freude mit deinem Kind!
      Liebe Grüße, Clara

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  2. Hallo,
    diesen Beitrag finde ich sehr interessant. Bei mir ist das Nebelhirn sehr stark ausgeprägt. Meine Körperwahrnehmung ist dadurch komplett gestört. Durch dieses Nebelhirn habe ich immer viel zu viel getrunken und bin in einen Natriummangel gerutscht. Eine fatale Kombination kann ich euch sagen. Ich bin 55 Jahre und alle paar Monate kommt immer noch eine Blutung. Seit 3 Jahren plagt mich eine schwere Migräne mit Aura. Ich bin es echt leid. Teilweise habe ich richtige verwirrte Zustände. Ich kann grade mir etwas einkaufen und kochen, sonst nichts. Ich nehme keinerlei Medikamente ein. Mein Natriumspiegel, Ferritinwert, B12 und alle anderen B Vitamine sind im Normalbereich. Ich nehme Omega 3 Fettsäuren aus der Microalge. Meinen geliebten Beruf als Friseurin kann ich seit 4 Jahren nicht mehr ausüben und bin in der Erwerbsminderungsrente. Ich denke oft wann dieser Albtraum aufhört. Am Donnerstag habe ich bei meiner Neurologin einen Termin weil es immer schlimmer wird und ich jetzt echt denke an Alsheimer erkrankt zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen das das von dem Hormonabfall kommen kann. Mich würde es wirklich interessieren ob es noch mehr Frauen gibt die jahrelang aus dem sozialen und beruflichen Leben ausgefallen sind. Ich denke oft das ich verrückt werde. Bioidentische Hormone geht leider wegen der starken Migräne nicht. Ich würde mich gerne mal austauschen.

    Viele liebe Grüße Andrea

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  3. Hallo,
    auch ich habe heute wieder mal einen dieser Tage, an denen hirnmäßig nicht viel los ist, und auch ich muss viel schreiben, koordinieren und kreativ tätig sein. Es nervt gewaltig, aber erinnert mich auch daran, dass ich mal wieder recht schlampig war, gerade weil man selbst sehr viel tun kann. Sei es durch die bereits genannten Maßnahmen, aber durchaus auch durch Hormontherapie, und dabei muss ich ganz deutlich fragen: Warum werden eigentlich nie körperidentische Hormone genannt? Ich weiß nicht, auf welche Studie du dich in dem Beitrag oben beziehst, aber ich bin ziemlich sicher, dass auch hier mit synthetischen Hormonen gearbeitet wurde. Es ist ein himmelweiter Unterschied für den Körper, ob er ein Hormon erkennt oder ob er es mit „Pferdepissehormonen“ zu tun hat (sorry, aber daraus bestehen Pille & Co. nun mal, um es mal so oberflächlich zu sagen). Leider kennen kaum Ärzte bioidentische Hormone oder sind zu überheblich, um sich überhaupt darüber zu informieren. Aber um zu der Studie zurückzukommen: Man muss sich schon genau anschauen, wie solche Studien aufgebaut sind, wer sie finanziert und womit gearbeitet wurde, das betrifft alle Studien. Deshalb kann ich jeder nur raten, sich selbst eingehend zu informieren, wenn es um gesundheitliche Themen geht, und sich nicht ausschließlich auf die leider oft mangelhaften Aussagen der Ärzte zu verlassen.

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    • Hallo Ines, vielen Dank für dein Feedback. Du hast natürlich recht: Wenn man sich für eine Hormontherapie entscheidet, haben bioidentische Hormone gegenüber synthetischen einige Vorteile. Darüber habe ich auch schon in mehreren Beiträgen geschrieben (z. B. hier). Und leider ist es auch so, dass in den meisten großen Studien vor allem ältere synthetische Hormone und auch sogenannte konjugierte Östrogene aus Stutenurin verwendet wurden. Bioidentische Hormone sind ja noch nicht so lange auf dem Markt, deshalb gibt es damit bisher kaum große und ausreichend lange Studien. In sehr vielen Studien wird auch gar nicht unterschieden, welche Substanzen die Frauen eingenommen haben. „Pferdepissehormone“, wie du sie nennst, werden in Europa (anders als in den USA) aber schon seit Jahrzehnten kaum mehr eingesetzt.
      Leider hast du auch recht damit, dass viele Ärzte sich mit Wechseljahresbeschwerden und deren Behandlung nicht sehr gut auskennen. Deshalb ist es auf jeden Fall gut, sich selbst zu informieren. Immerhin sind aber die Verordnungszahlen von bioidentischen Hormonen in den letzten Jahren deutlich gestiegen.
      Liebe Grüße, Clara

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  4. Liebe Clara,

    vielen Dank, dass Du das Thema Men-Brain (ich nenne es Brain-Fog) so offen aufgegriffen hast. Leider findet das in der Gesellschaft wenig Widerhall, geschweige denn die nötige Akzeptanz (gerade bei den Jüngeren (KollegInnen und Mitmenschen)

    Ich glaube schon, dass die Hormonersatztherapie, sofern frau nicht dagegen und ihr offen gegenübersteht, ein guter Ansatz ist, um auch später Demenz oder Alzheimer vorzubeugen. Und es gibt auch Ansätze und Studien dazu – auch zum männlichen Hormon Testosteron und seine positive Wirkung – natürlich immer individuell und durch Fach Ärztin / Arzt begleitet.
    Beinah skandalös dazu finde ich allerdings eine höchst unsensible Aussage einer Hamburger (Privatärztin) Hormonspezialistin, dass bei Frauen, bei welchen eine Hormonersatztherapie med. nicht angezeigt ist, bei Beschwerden, gerade bzgl. Gereiztheit, Stimmungsschwankungen etc., eben einfach Antidepressiva verordnet werden soll .. So einfach kann man/frau es sich eben auch machen…..

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  5. Liebe Clara,
    dein Beitrag spricht mir aus der Seele. Mir geht es genauso. Da auch ich beruflich viel schreiben und recherchieren muss, ist dieses verlangsamte Denken ein riesiges Problem für mich… Ich kann teilweise nicht logisch denken, keine Sätze bilden und mich überhaupt nicht konzentrieren. Meine letzte Periode liegt jetzt 10 Monate zurück und ich hoffe sehr, dass das Problem nur mit den Wechseljahren zusammenhängt. Es tut so gut zu lesen, dass ich damit nicht alleine bin. Danke.

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  6. Liebe Clara,
    wieder mal ein sehr interessanter Beitrag! Mir geht es oft ganz ähnlich wie Dir. Bei mir ist es aber eher die Antriebslosigkeit, die mich daran hindert, effektiv zu arbeiten. Ich schieb‘ die Themen vor mir her und schaff‘ einfach nicht mehr so viel wie früher (bin jetzt übrigens elf Monate ohne Periode, habe Hoffnung, dass das zumindest vorbei ist). Auch ich sehe bei meiner Mutter, dass sie von Besuch zu Besuch geistig mehr abbaut und das setzt mir unheimlich zu. Nicht so sehr, weil ich Angst habe, die Demenz zu erben (darüber habe ich noch gar nicht so nachgedacht – sollte ich vielleicht), sondern weil sie mir so leid tut. Auch diese Sorge hindert mich an der konzentrierten Arbeit….Menno, lass uns mal was Schönes, Lustiges zusammen machen!

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    • Liebe Tanja, vielen Dank! Einerseits tut es ja immer gut, wenn man mit seinen Problemen nicht alleine ist – andererseits tut es mir leid zu hören, dass du mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpfst. Und ja, wir sollten unbedingt bald etwas Schönes zusammen machen! Ich freu mich drauf!
      Liebe Grüße, Clara

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